Option Für Die Armen: Eine Ökonomische Perspektive

Résumé


Economists see poverty as a structural problem and the solution is to overcome it with economic growth. After a discussion of different poverty concepts, first with the growth problem it is dealt and it is shown why it makes sense to fight poverty with structural measures.

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Extrait


Option Für Die Armen: Eine Ökonomische Perspektive

1 Einleitung

Kann die Volkswirtschaftslehre etwas zur Linderung der Armut beitragen? Diese Frage dürfte mancher bereits negativ beantwortet haben, bevor er sie sich richtig überlegt hat. Ökonomen gelten gemeinhin nicht als Menschen, die sich besonders um die Probleme der Armen kümmern. Zu dieser Auffassung kann man aus verschiedenen Perspektiven gelangen. Schon das wichtigste klassische Werk, «Der Wohlstand der Nationen» von ADAM SMITH (1776) handelt eben nicht von der Armut, sondern eher vom Reichtum, auch wenn er eine Verbesserung der Situation der Armen durchaus positiv sieht und darauf hinweist, dass dies am ehesten durch Wirtschaftswachstum zu erreichen sei (S. 68ff.). Eine besondere «Option fur die Armen» wird man aus diesem Buch, welches auch nur ganz knapp auf die Situation der Armen eingeht, kaum herauslesen können. Das Gleiche gilt fur sein philosophisches Hauptwerk, die «Theorie der ethischen Gefüle» (1759). Schliesslich ist Armut an sich für ihn eher ein Grund zur Verachtung als für Mitleid.1

Der Gründer des «wissenschaftlichen Sozialismus», KARL MARX, steht diesbezüglich nicht besser da. Zwar war ihm die schwierige Lage der unteren Einkommensschichten durchaus bewusst2, und es ging ihm fraglos um die Besserung des Loses der Arbeiterklasse und damit jener Gruppe, für die Armut ein tägliches Problem war, aber dessen Lösung sah er nicht in einem besonderen Einsatz für die Armen, sondern in einer Überwindung des Systems der Lohnarbeit. Bemühungen, das konkrete Los der Arbeiterschaft zu lindern, mochten zwar unter bestimmten Umständen sinnvoll sein, aber für das langfristige Ziel der Überwindung der kapitalistischen Ordnung waren sie im besten Fall bedeutungslos, im schlimmeren Fall behinderten sie sogar jenen gesellschaftlichen Fortschritt, der allein das Los der Arbeiterklasse entscheidend verandern konnte.3 Konsequenterweise hatte er fur die «Kathedersozialisten», die mit sozialen Reformen das Los der arbeitenden Schichten verbessern wollten, nur Hohn und Spott iibrig.4

Bedeutsamer als diese dogmenhistorischen Anmerkungen aber dürfte sein, dass die Ökonomen heute, da die Systeme der sozialen Sicherung beinahe in alien westlichen Industriestaaten brüchig geworden sind, nahezu unisono Einschnitte ins soziale Netz fordern.5 Dies wird zwar in aller Regel damit verbrämt, dass behauptet wird, langfristig gehe es dann alien besser, aber diese Aussage ist (in dieser einfachen Form) entweder falsch oder zynisch. Sie ist falsch, weil es selbst dann, wenn durch solche Massnahmen zusätzliches Wachstum erzielt und damit das durchschnittliche Versorgungsniveau in der Gesellschaft erhöht werden sollte, genau erkennbare Verlierer gibt, die man nicht wegdiskutieren kann. Und sie ist zynisch, wenn «langfristig» aïs so langfristig verstanden wird, dass dièse Verlierer gestorben sein werden, wenn es später wirklich einmal «alien» besser gehen sollte. Dies dürfte jedoch vorerst eher ein Traum bleiben. Wie beispielsweise eine kürzlich erschienene Studie iiber Kanada ze...

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